Camino Choro – Auf einfache Wege schickt man nur die Schwachen – Tag 1
Es war gegen 6 Uhr morgens als die Tür des Kleinbusses zuschlug und wir uns schließlich allein auf 4.700 m Höhe befanden. Es war ein nasskalter und trüber Morgen und damit eigentlich das perfekte Wetter um sich nochmals tief in sein Bett zu mummeln und weiterzuschlafen. Wir aber machten uns auf den Weg, den Camino Choro zu beschreiten, einen Pfad, der uns aus knapp 5.000 m Höhe mit einer rauen und unwirtlichen Umgebung bis auf 1.300 m in einer warmschwülen Urwaldlandschaft führen sollte.
In 1.300 Metern Höhe
Unser Weg brachte uns jedoch zuerst weiter bergauf. Unter „nahezu“ sauerstofffreier Umgebung war jeder Schritt mühsam und mit über 15 Kilo Gepäck eine Belastungsprobe für Körper und Geist. Nicht wenige Male versagten mir die Kraft und der Wille weiter voran zu schreiten. Und so hatten wir kauf Augen für die uns umgebende Landschaft. Glücklicherweise gab es außer Geröll, kleinen dunklen Teichen und vereinzelten schneebedeckten Flächen kaum etwas Spannendes zu sehen. Hier jedoch immer weiter bergauf strebend, trafen wir auf einen Mann mit seinem Kind, die einen Esel mit sich führten. Leider waren unsere Aymara- und ihre Deutschkenntnisse auf demselben Niveau, sodass eine Verständigung unmöglich war. Folglich boten wir Bonbons an, die gerne mit beiden Händen ergriffen wurden. Danach trennten sich unsere Wege und die drei Besucher verschwanden wieder im dichten Nebel aus dem sie gekommen waren.
Schließlich erreichten wir die schneebedeckte Spitze des Passes und damit den höchsten Punkt unserer Reise. Hier nun umgab uns harscher Schnee und andauernder undurchdringlicher, weißer Nebel. Doch schon nach einigen Kilometern Fußmarsch riß wie als Willkommensgruß die Nebelwand auf und gestattet uns einen kurzen aber beeindruckenden Blick auf das andine Bergmassiv, das sich bisher so erfolgreich verborgen hatte. Wir standen an der Spitze eines gewaltigen Tales, dessen glatte, tiefschwarze Felswände sich zu beiden Seiten weit über hundert Meter in die Tiefe erstreckten. Kleine Schmelzwasserbäche stürzten zahllos von schneebedeckten Kuppen über die Felswände hinab und verloren sich als feiner Regen in der Tiefe. Am Grund des Tales erblickten wir einen grünen Teppich aus frischem Gras, auf dem einige Tiere weideten. Diese Tiere waren jedoch weder Kuh, Schaf noch Ziege, sondern die hier heimischen Lamas, die in ihrer abgestammten Umgebung weitaus eleganter wirkten als ihre Artgenossen in europäischen Zoos und Tierparks.
Eine Straße zum Nachtlager
Dem Pfad folgend betrachteten wir alsbald eine aus Naturstein gepflasterte Straße. Die Steine schienen hier so perfekt, dass es schwer fiel zu glauben, dass bereits über Jahrhunderte hinweg unzählige Menschen vor uns diesen Weg beschritten haben sollen. Mehrmals kamen wir durch kleinere Siedlungen deren Häuser meist aus demselben Material gebaut waren und man konnte sich einem Gefühl der Einsamkeit und der Zeitlosigkeit nicht erwehren. Die Menschen schauten uns mit vorsichtigem Interesse und leichtem Unverständnis an. Jedoch begegnete man uns stets mit Freundlichkeit und niemals hatte man das Gefühl unwillkommen zu sein.
Mit jeder Minute, die wir nun vorwärts strebten, schlug uns erneut eine Nebelwand mit schier unerschöpflichen Schauern und einer klammen Kälte entgegen. Aber auch mit jedem Schritt, den wir nach vorne setzen, wurden die Pflanzen links und rechts des Weges üppiger und zahlreicher. Auch mehrten sich die Sekunden, in denen wir am Himmel die Sonne erblickten konnten wo wir doch bereits überzeugt waren, dass dies hier nie geschehen würde.

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